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Neustadt: Kultur aus der Rheinpfalz vom 25.6.2013

Mehr Stimmen, mehr Stärke

Posaunenchor Hambach-Winzingen und Gimmeldinger Blockflötenkreis feiern mit einem gemeinsamen Konzert ihr Jubiläum

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Neustadt. ”Haste Töne?!” - so hatten sie ihr Jubiläumskonzert am Samstag in der Neustadter Stiftskirche benannt. Darauf gibt‘s nur eine denkbare Antwort: Und wie! Seit 35 Jahren haben und machen sie Töne, der Posaunenchor Hambach-Winzingen unter Leitung von Traugott Baur und der Gimmeldinger Blockflötenkreis unter Leitung seiner Ehefrau Heidrun.

Im Jahr 1977 wurde Traugott Baur der erste hauptamtliche Landesposaunenwart in der Geschichte der Protestantischen Landeskirche. Ein Jahr später, 1978, brachte das in Gimmeldingen lebenden Ehepaar Baur dann drei wohlgeratene Kinder auf die Welt: ihre erste Tochter, den Posaunenchor und den Blockflötenkreis. Auffallend vielseitig ist das Repertoire der beiden Bläser-Ensembles. Der Schwerpunkt liegt beim Posaunenchor zwar erwartungsgemäß bei der kirchlichen Musik, gespielt wird aber hier wie auch bei den Flötistinnen im Grunde alles, was gut klingt und Spaß macht, quer durch alle Stilrichtungen, und es sind nicht nur Posaunen allein, sondern alle Blechblasinstrumente vertreten. Und singen können sie auch noch.

Den Auftakt machte ein Gloria für Blech- und Holzbläser von Guillaume de Machaut aus dem 14. Jahrhundert, das älteste Stück des Programms und passgenau ausgewählt zur Stiftskirche, deren Grundstein im gleichen Jahrhundert gelegt wurde. Darauf folgte die Gegenwart mit einer modernen Fassung des Chorals ”Du meine Seele singe”. Werner Petersen, Kollege von Baur in Glücksburg, hat diese Fassung für Blechbläser mit einem Vorspiel komponiert, das Swing-Elemente aufweist und in die sich auch die Holzbläser gut integrieren. Der Gimmeldinger Blockflötenkreis spielte dann Pavane und Gaillarde aus der Renaissance aus einer von Pierre Phalèse im 16. Jahrhundert herausgegebenen Sammlung. In dem Stück lieferten sich tiefe Blockflöten und Gemshörner einen Wechselgesang. Das Gemshorn, ein in Mittelalter und Renaissance verbreitetes Instrument, ähnelt im Klang einer tiefen Blockflöte und wird auch so gespielt.

Zum Choral ”Lobe den Herren” gibt es eine moderne, vom Jazz beeinflusste Fantasie für Blechbläser von Traugott Fünfgeld, evangelischer Kirchenmusiker in Baden, das den nächsten Programmpunkt bildete. ”Das klinget so herrlich” aus dem Finale von Mozarts Oper ”Die Zauberflöte” war danach Ausgangspunkt der ”Variationen” für Blechbläser von Erich Broy, ein sehr heiteres Stück, fast wie ein Kinderlied.

Die Holzbläsergruppe führte dann wieder in alte Zeiten zurück mit einer Partita von Samuel Scheidt, der kurz vor dem Dreißigjährigen Krieg wirkte. Erholung für die angespannten Lippen der Bläser ermöglichte Matthias Lambrich, der allerhand Heiteres und nicht immer wortwörtlich zu Nehmendes aus dem Innenleben des Posaunenchores erzählte, etwa: Warum proben die so viel? ”Klar, es sind ja nicht immer alle da, manche spielen das Stück gar bei der Generalprobe zum ersten Mal.” Und die Nachbarn, die wegen der Lautstärke jammerten, sollten dran denken, ”dass man mit zwei Posaunen schlecht was für sechs oder mehr Stimmen spielen kann. Man braucht mehr, also wird‘s halt lauter.” Was aber immer stimme, sei die gute Laune, nicht nur bei den Proben, so Lambrich. Das hört man dann auch, etwa bei dem anschließenden Posaunenquartett mit ”The longest time” von Billy Joel.

Auch die Zuhörer waren aktiv gefragt. ”Vergiss nicht zu danken” aus dem Evangelischen Gesangbuch wurde zur ”Teamarbeit”, gesungen von Publikum und Posaunenchor mit Vorspiel und Zwischensätzen für Blech-und Holzbläser. Der Blockflötenkreis ”kann” nicht nur Musik aus Renaissance und Barock, wie er mit der Ouvertüre zur Operette ”H.M.S. Pinafore” von Sullivan bewies, einem Stück wie für eine Karussell-Orgel. Und sie singen auch, die Frauen vom Flötenkreis, ”Alta trinita” als mehrstimmigen Choral und später noch ”You are the new day” des zeitgenössischen britischen Komponisten John David, fünfstimmig. Mit einem Abendgebet, einem weiteren Gemeindelied, ”Bleib bei mir Herr”, und einem letzten Stück von Anne Weckeßer, das Holz und Blech ebenso vereinte wie traditionellen und modernen Stil, endete der offizielle Teil des Konzerts in der vollbesetzten Stiftskirche. Von Andrea Dölle